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Kriegsgründe made in USA Berliner Zeitung, 17.02.2007
Insider befürchten, dass die Bush-Regierung nur noch einen
Vorwand für den Angriff auf Iran sucht
Roland Heine
BERLIN. Die Alarmsignale häufen sich: Die USA fahren vor Irans Küste
weitere Kriegsschiffe auf, israelische Piloten proben britischen
Medien zufolge Luftangriffe auf iranische Atomanlagen, Präsident
George W. Bush weist Teheran eine Mitschuld am Tod von
US-Soldaten im Irak zu. Insider wie Hillary Mann, die ehemalige
Direktorin für Iran-Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat
der USA, warnen: Berater von Bush bastelten im Geheimen an einer
Rechtfertigung für den längst beschlossenen Angriff auf den
Iran. "Sie versuchen, so provokativ wie möglich zu sein und
die Iraner zu einem Schritt zu verleiten", auf den die USA
mit "Vergeltung" antworten müssten, sagte sie dem
Magazin Newsweek.
Die jüngere Geschichte der USA kennt eine ganze Reihe von
Planungen und Versuchen, einen Gegner durch Intrigen zum
Erstschlag zu provozieren, eigene Angriffskriege als
Verteidigungskriege zu tarnen, mittels erfundener Gräuelgeschichten
für Kriegsstimmung zu sorgen. Dabei gehören sogenannte false
flag operations - also die Durchführung eines Terroranschlags
"unter falscher Flagge", für den dann der Gegner
verantwortlich gemacht wird - zum Standardarsenal der
US-Geheimdienste. Die Linie reicht bis in die jüngste
Vergangenheit.
----Operation Ajax: Der 1953 inszenierte Sturz der legitimen
iranischen Regierungschefs Mohammad Mossadegh galt in
US-Geheimdienstkreisen lange als Muster für eine gelungene false
flag operation. Der durchaus nicht kommunistenfreundliche
Mossadegh plante die Verstaatlichung der Ölfelder und brachte so
westliche Konzerne gegen sich auf. Wie inzwischen auch die
Geschichtsabteilung der CIA einräumte, starteten die CIA und der
britische MI6 daraufhin eine Destabilisierungskampagne. Agenten führten
Anschläge im Iran durch, darunter auf Geistliche und religiöse
Einrichtungen, Flugblätter tauchten auf mit Losungen wie:
"Es lebe Mossadegh, nieder mit Allah!" Am Ende stand
ein Putsch, der das Schah-Regime an die Macht brachte. Der Erfolg
führte dazu, dass US-Geheimdienste das Konzept übertrugen:
Guatemala (1954) und Chile (1973) sind nur zwei Beispiele.
Die Tonking-Lüge: Am 4. August 1964 sollen nordvietnamesische
Patrouillenboote den US-Zerstörer Maddox angegriffen haben, der
im Golf von Tonking vor Nordvietnams Küste lag. In Wahrheit hat
diese Attacke nie stattgefunden, doch US-Präsident Lyndon B.
Johnson nutzte die Falschmeldung, sich vom Kongress zum direkten
Angriff auf Nordvietnam ermächtigen zu lassen. Im folgenden
Krieg kamen 1,5 Millionen Vietnamesen um. 2005 gab der
US-Geheimdienst NSA zu, dass hohe Beamte seinerzeit die
Tonking-Berichte gefälscht haben. Der frühere CIA-Mann George
W. Allen schrieb dazu, die US-Regierung wollte 1964 "einen
Vorwand für eine weitere Eskalation finden", um das
pro-amerikanische Regime in Südvietnam zu stabilisieren.
Operation Northwood: Anfang der 60er-Jahre entwarf der höchste
US-General, L. L. Lemnitzer, einen Plan, dessen Umsetzung die
Unterstützung der Öffentlichkeit für einen Angriff auf Kuba
sichern sollte. So wurde erwogen, einen Anschlag auf ein eigenes
Schiff oder Flugzeug zu starten, um nationale Empörung in den
USA auszulösen. US-Präsident Johnson soll den Plan verworfen
haben. Während des israelisch-arabischen Krieges 1967 jedoch
geschah im östlichen Mittelmeer etwas, das sehr an
"Northwood" erinnert: Das Spionageschiff "USS
Liberty" wurde über Stunden von Flugzeugen Israels
beschossen, ohne dass die US-Mittelmeerflotte eingriff. Erst das
Aufkreuzen eines sowjetischen Schiffes soll zum Abbruch der
Angriffe geführt und die "Liberty" vorm Sinken bewahrt
haben. 34 US-Soldaten starben. Später war von Verwechslung die
Rede. Doch ist bekannt, dass man in Washington damals Wege
suchte, ein Eingreifen der USA in den Krieg zu begründen - gegen
die Araber.
Operation Gladio: Zumindest bis Anfang der 90er-Jahre existierte
in etlichen Ländern Westeuropas Untergrundeinheiten, geführt
von Nato-Stellen, CIA und MI6. Der italienische
Untersuchungsrichter Felice Casson wies für sein Land nach, dass
Teile des Gladio-Netzes zusammen mit Neofaschisten zahlreiche
Terroranschläge begingen, für die offiziell die Roten Brigaden
verantwortlich gemacht wurden. Ziel war es, die starke KP
Italiens zu diskreditieren und scharfe Sicherheitsgesetze
durchzudrücken. In Griechenland soll das Netz am Militärputsch
1964 beteiligt gewesen sein. Das EU-Parlament stellte 1990 fest,
dass die Organisatoren über Gladio die Politik etlicher EU-Länder
illegal beeinflussten.
Der Fall Irak: Dass Geheimdienste und Regierung der USA die
amerikanische Irak-Invasion im März 2003 vor allem mit der Lüge
begründeten, das Saddam-Regime besitze Massenvernichtungswaffen,
ist allgemein bekannt. Kaum bekannt ist dagegen, was die New York
Times 2006 berichtete. Danach hat die Bush-Regierung einen als
UN-Flugzeug getarnten US-Aufklärer über irakischem Gebiet
kreisen lassen wollen - in der Absicht, dessen Abschuss zu
provozieren. Ein Luftzwischenfall gilt unter Beobachtern auch in
der aktuellen Iran-Krise als denkbarer Kriegsauslöser.