26.05.2006 / Ausland / Seite 7
Der jüngst von einem US-Geschworenengericht zu lebenslanger Haft verurteilte mutmaßliche Terrorkomplize Zacarias Moussaoui darf sich als »rehabilitiert« betrachten. Per Tonbandbotschaft hat ihn mit Osama bin Laden quasi die oberste Instanz der islamistischen Terrorszene von jedweder Mitschuld an den Flugzeugattentaten vom 11. September 2001 frei gesprochen. Laut der vom arabischen Nachrichtensender Al Dschasira am Dienstag abend ausgestrahlten Aufnahme hat der Franzose marokkanischer Herkunft nichts mit der Planung und Durchführung der Operation zu tun. Agenturberichten zufolge halten US-Geheimdienste die Nachricht des vermeintlichen Al-Qaida-Chefs für authentisch.
»Die Wahrheit ist, daß er keinerlei Verbindung zu den Ereignissen des 11. Septembers hatte. Ich bin mir dessen sehr sicher, weil ich selbst verantwortlich dafür war, die 19 Brüder mit den Anschlägen zu beauftragen, und ich habe Bruder Zacarias nie eingestellt«, soll sich Bin Laden geäußert haben. Moussaoui wird der Öffentlichkeit seit Jahren als verhinderter 20. Hijacker verkauft. Der 37jährige bestritt lange vehement, in die Planungen zum 11. September eingeweiht gewesen zu sein. Vor Gericht bekannte er sich dann aber urplötzlich zu der Tat, zog das Geständnis jedoch genauso überraschend vier Tage nach seinem Schuldspruch wieder zurück.
Bin Ladens Wortmeldung kommt der US-Administration nicht ungelegen. Seit US-Hollywood-Star Charlie Sheen vor wenigen Wochen in aller Öffentlichkeit die Regierung der Mitwisser- bzw. Mittäterschaft an den Terrorattacken vor viereinhalb Jahren bezichtigt hat (jW berichtete), ist die Bush-Clique wachsendem Erklärungsdruck in der Causa 9/11 ausgesetzt. Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Zogby gehen 42 Prozent der Befragten davon aus, daß die US-Regierung im Zusammenhang mit den Anschlägen etwas verberge. 45 Prozent fordern eine erneute Untersuchung der damaligen Geschehnisse. Obendrein sorgte nun auch noch New York Times-Reporterin Judith Miller mit einer Selbstanklage für Aufsehen. Obwohl sie im Juli 2001 von einer »Topquelle« aus dem Weißen Haus Hinweise auf einen großen bevorstehenden Anschlag erhalten habe, sei sie damit nicht an die Öffentlichkeit gegangen, »bereute« sie gegenüber dem Nachrichtendienst AlterNet.org.
So in die Enge getrieben, greift man in Washington nach jedem Strohhalm. So wurden vor einer Woche Filmausschnitte zweier Überwachungskameras veröffentlicht, die angeblich eine Verkehrsmaschine beim Einschlag ins Pentagon zeigen sollen. Selbst die sonst gutgläubigen Mainstreammedien gaben sich skeptisch und schrieben von »wenig neuen Erkenntnissen«. Tatsächlich fehlt auf den präsentierten Bildern vom angekündigten »Beweis« jede Spur. Nicht mehr Beweiskraft hat nach Expertenmeinung die unlängst präsentierte Abschrift des Cockpit-Voicerecorders von Flug 93. Dessen Passagiere sollen nach offizieller Lesart revoltiert und die Entführer gezwungen haben, die Maschine bei Shanksville in den Boden zu rammen, um einen vermeintlich geplanten Angriff auf das Weiße Haus zu vereiteln. Ein vom Journalisten Gerhard Wisnewski (www.wisnewski.de) befragter Pilot kommentierte: »Ich kann mir aus kaum einer Bemerkung in diesem Bericht einen Reim machen.«
So wie das kürzlich im Kino angelaufene Doku-Drama zum »Flug 93« wirkt auch die neueste Botschaft Osama Bin Ladens wie eine Auftragsarbeit Washingtons. Die Skepsis der US-Öffentlichkeit gegenüber der Schuld Moussaouis war ohnehin schon groß. Und wer stört sich an einem kleinen Justizirrtum, wenn er im Gegenzug ein totales Schuldeingeständnis Bin Ladens erhält? Was bei alledem in Vergessenheit gerät: Auch der vermeintliche Terrorpapst hat in punkto 9/11 einen kapitalen Sinneswandel hinter sich. Dieser soll am 22. September 2001 der pakistanischen Zeitung Ummaut gesagt haben: »Weder war ich in die Angriffe ( ) involviert, noch hatte ich Kenntnis von diesen Angriffen. ( ) Die Vereinigten Staaten sollten versuchen, die Täter in ihrem Inneren aufzuspüren.«
So ist Bin Laden weiterhin »nicht zu fassen«. Für den Leiter des Deutschen Orient-Instituts, Udo Steinbach, ist der Topterrorist ohnehin »seit langem tot«. Möglicherweise hätten die Amerikaner ein Interesse daran, ihn »für lebendig zu erklären, weil er als Symbol des zu bekämpfenden Terrorismus so wichtig ist«, sagte er der Thüringer Allgemeinen.
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