Junge Welt

15.08.2006 / Schwerpunkt / Seite 3

Fiktiver Terror, realer Krieg
In Reaktion auf die angeblich geplanten Anschläge hat der Westen den Islam zum Feind erklärt
Jürgen Elsässer
Fiktiver Terror, realer Krieg
Eine Hinweistafel verkündet strikte Beschränkungen für das Handgepäck (Las Vegas International Airport, 10.08.2006)
Foto: AP
Strategie Massenmord« warnt das Titelbild der neuen Ausgabe des Spiegel, die seit Montag bundesweit an allen Kiosken ist. Aber es geht nicht um das rücksichtslose Flächenbombardement, mit dem die israelische Luftwaffe den Nachbarstaat Libanon überzieht und um die tatsächlichen Toten dieses Wahnsinns – etwa 1300 seit Kriegsbeginn, davon ein Drittel Kinder. Vielmehr halluziniert das Hamburger Nachrichtenmagazin die möglichen Opfer in Folge eines potentiellen Anschlages islamischer Selbstmordattentäter – »ein Massaker von gigantischen Ausmaßen«. Auch Termine werden von den Islam-Astrologen schon genannt: entweder der fünfte Jahrestag des 11.September 2001 oder bereits der 22.August, der Dienstag nächster Woche. An diesem Tag feiern die Muslime auf aller Welt die Himmelsreise ihres Propheten Mohammed auf dem geflügelten Pferd Burak,. Dieses Datum könnte, so verrät der promovierte Islamhasser Bernard Lewis dem Spiegel, »durchaus als angemessen erachtet werden für einen apokalyptischen Untergang Israels oder, wenn nötig, der ganzen Welt.«

Anlaß für die Weltuntergangsphantasien bot eine spektakuläre Razzia in der Nacht zum 10.August in Großbritannien, bei der 19 angebliche Flugzeugattentäter gerade noch rechtzeitig festgenommen werden konnten, bevor sie einen »Massenmord in unvorstellbarem Ausmaß« mit Opfern »in einem noch nie dagewesenen Ausmaß« durchführen konnten – so der britische Innenminister John Reid. Fast durchweg handelt es sich dabei um junge Leute, die keinen strenggläubigen Lebenswandel pflegten und in die Gesellschaft integriert waren. Eine Feindbildverschiebung findet statt: Nicht mehr rauschebärtige Radikalinskis (»Haßprediger«) sind am gefährlichsten; viel schlimmer und viel schwerer zu entdecken sind die lebenden Zeitbomben in Gestalt unseres türkischen Nachbarn oder unseres arabischen Kommilitonen. Nach den Londoner Festnahmen kommentierte die Bild-Zeitung: »Der ›Dschihad‹, der Heilige Krieg gegen die Ungläubigen, die Eroberung der Welt durch den Islam, ist eine tödliche Bedrohung, mit jedem Tag mehr. (...) Das Gefährlichste daran: Sogar Kinder von Einwanderern, die hier in Frieden aufwachsen, lassen sich vom Bazillus anstecken, sie müßten als ›Soldaten Allahs‹ Feinde vernichten. Sie verbergen sich, auch in Deutschland, mitten unter uns, als unsichtbare Bomben.« Hier wird, wie in den dreißiger Jahren, eine ganze inländische Bevölkerungsgruppe zum Feind erklärt.
Die Bombe vom Klo
Das Tollste ist, wie alle Medien seit Freitag die Story vom vereitelten Megaplot in zum Teil reißerischer Aufmachung nachbeten, ohne daß die britischen Behörden irgendwelche Beweise präsentiert haben. Es herrscht eine Hysterie wie nach dem Reichstagsbrand – aber ohne, daß der Reichstag gebrannt hätte.

Es gibt weder genaue Angaben, wie viele Flugzeuge entführt werden sollten – mal ist von drei, dann von zehn, schließlich von »Dutzenden« die Rede–, noch über den möglichen Anschlagstermin. »Bislang scheint noch niemand die präparierten Gatorade-Flaschen gesehen zu haben, in denen die Verdächtigen den Sprengstoff angeblich an Bord schmuggeln wollten«, muß auch der Spiegel einräumen. Aber nicht nur die Tatwaffen fehlen, auch die offiziösen Theorien über die Tatwaffen sind lachhaft. Angeblich soll es sich um Flüssigchemikalien handeln, die dann an Bord zusammengemixt werden sollten. Doch welche? Nitroglycerin und Nitromethan sind extrem instabil, so daß sie schon bei kleinsten Vibrationen explodieren – man kennt das vom Filmklassiker »Lohn der Angst«. Statt dessen erwärmt sich der Spiegel nun für Triacetontriperoxid (TATP), weil der leicht aus Nagellackentferner und weiteren handelsüblichen Drogeriestoffen gemixt werden könnte. Allerdings: »TATP entsteht... erst nach stundenlanger Reaktion, bei der sich das sprenggewaltige Pulver am Boden des Reagenzglases absetzt. Aber zahllose Unfälle belegen, daß schon beim Mischen selbst tödliche Gewalt freigesetzt wird.« Wollten sich die Attentäter also stundenlang aufm Flugzeugklo einschließen – in der Hoffnung, daß ihnen der Cocktail nicht den eigenen Arsch wegätzt, bevor die Bombe scharf ist?

Last not least: Wie der Londoner Guardian in seiner Ausgabe vom 13.August meldete, hatte kein einziger der Festgenommenen irgendwelche Flugtickets bestellt oder gekauft. Was machte sie also verdächtig? Einzig Telefonanrufe und E-Mails. Kleine Kostprobe: »Sie benutzten unverfängliche Codewörter, blumige Begriffe wie ›Korinthen‹, die in der arabischen Sprache oft als Synonyme für Sprengstoff verwandt werden.« (Spiegel) So wie Korinthenkacker in der deutschen als Synonym für pingelige Kleinscheißer, die ihren Arsch für jeden verkaufen?
Kriegshetze
Die britischen Behörden berufen sich auf Informationen, die sie über den pakistanischen Geheimdienst ISI bekommen haben. Die Springerpresse liefert eine andere Version und gibt den Mossad als zusätzliche Quelle an. »Baalbek... Anfang August: Israelisches Militär greift das Krankenhaus an. Offi­ziell geht es um Hisbollah-Terroristen... Laut britischen Experten finden Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad bei der Aktion drei Computer ... Die Festplatten enthalten Hinweise auf mehr als 20 Terroristen-Zellen in England. Tel Aviv, Sonntag, 6. August: In der Mossad-Zentrale läuft angeblich eine Eilmeldung aus Islamabad ein: Al Qaida habe soeben die pakistanischen Terroristen in England in Marsch gesetzt! ... Wenig später informiert der Mossad den Chef des britischen Geheimdienstes MI6 ...«

Israels völkerrechtswidrige Aggression – so die Message der Bild-Zeitung– hat in Europa ein furchtbares Blutbad verhindert. Die Kriege, die die USA und ihre Verbündeten zwischen Suez-Kanal und Persischem Golf führen, dienen demnach auch unserem Interesse.

»Krisen und Kriege überall: Afghanistan, Irak, jetzt der Libanon. Stehen wir vor einem neuen Weltkrieg zwischen freier Welt und fanatischem Islam?«, bringt das Blatt sein Publikum in Stimmung. Und weiter: »Wichtigste Geldquelle des Terrors ist der Iran. Muß der Westen schärfer gegen das Regime in Teheran vorgehen?«

www.bushtrash.com/911