Tageszeitung junge Welt

22.11.2004 / Inland / Seite 4


BND-Skandal schlägt Wellen

ZDF legt neue Dokumente über Zusammenarbeit mit albanischen Terroristen vor. UCK-Führer Haradinaj wird Regierungschef im Kosovo

Jürgen Elsässer, Belgrad

Am Samstag abend legte das heute-journal des ZDF neue Dokumente vor, durch die der Bundesnachrichtendienst (BND) im Zusammenhang mit den Pogromen im März im Kosovo schwer belastet wird. Präsentiert wurden unter anderem NATO-Verschlußsachen, die beweisen, worüber junge Welt am Freitag als erste Zeitung berichtet hatte: Samedin Xhezairi, ein Kommandeur der kosovoalbanischen Terrororganisation UCK, hat nicht nur mit Wissen der Pullacher Behörde die flächendeckenden Angriffe auf die serbische Minderheit im Frühjahr vorbereitet, sondern war außerdem in Personalunion BND-Informant und Al-Qaida-Kontaktmann.

Bisher hatte in Berlin – so ein interner Untersuchungsbericht des Bundesverteidigungsministerium vom 20. September – die Sprachregelung gegolten: »Konkrete Hinweise auf das Bevorstehen massiver Auseinandersetzungen gingen weder aus dem eigenen Aufkommen (an geheimdienstlichen Informationen – J. E.) noch aus dem Aufkommen des Bundesnachrichtendienstes hervor.« Am Freitag hatte die Bundesregierung noch jede Stellungnahme zur behaupteten Zusammenarbeit zwischen Xhezairi und dem BND verweigert. Doch seit der neuerlichen ZDF-Sendung am Sonnabend ist erwiesen, daß der Terrorist zumindest bis zum 4. März dieses Jahres auf der Gehaltsliste des Dienstes stand.

Außerdem liegen der Tageszeitung Die Welt nach eigenen Angaben deutschsprachige Dokumente vor, »die von Machart und Sprache dem deutschen Auslandsnachrichtendienst zugeordnet werden könnten«. Darin sei eine Vielzahl von Kosovo-Albanern, ihre Vergangenheit in der separatistischen UCK und ihre jeweilige Rolle während des Pogroms detailliert beschrieben. Diese Dossiers lassen, selbst wenn sie erst nach den März-Ereignissen zusammengestellt worden sein sollten, darauf schließen, daß die Pullacher Behörde eine intime Kenntnis der Terrorszene im Kosovo hatte und hat. »Sollte es sich bewahrheiten, daß der BND vorab wußte, was sich dort entwickeln würde, und nichts dagegen unternommen hat, so wäre dies ein strategisches Versagen des Geheimdienstes«, sagte Winfried Nachtwei. Der Grünen-Fraktionsvize sprach im Bundestag von »überzeugenden Indizien«, die der Affäre weit über den deutschen Rahmen hinaus Bedeutung gäben. »Das würde nämlich die These widerlegen, wonach die ... KFOR-Führung von dem Gewaltausbruch ahnungslos überrascht« worden sei.

Daß die Politik der NATO gegenüber der UCK nicht von Ahnungslosigkeit geprägt ist, sondern einem Kalkül folgt, beweist die Designierung von Ramush Haradinaj zum neuen Regierungschef der Krisenprovinz in den vergangenen Tagen. Darauf hatten sich die Demokratische Liga des Kosovo (LDK) von Ibrahim Rugova und Haradinajs Allianz für die Zukunft des Kosovo (AAK) nach Koalitionsgesprächen geeinigt. Brisant ist, daß mit Haradinaj künftig einer der mutmaßlichen Hauptkriegsverbrecher der UCK das wichtigste politische Amt im Kosovo bekleiden soll – obwohl seine Partei bei den Parlamentswahlen im Oktober nur neun von 120 Sitzen errungen hatte. Proteste der NATO-Mächte gegen diesen Vorgang wurden nicht bekannt, und auch Sören Jessen-Petersen, der Leiter der UN-Übergangsverwaltung im Kosovo, rührte sich nicht. Vor den Wahlen hatte er verkündet, er würde künftig Politikern ihre Ämter aberkennen, die Intoleranz gegenüber anderen Volksgruppen verkündeten.

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