19.07.2005 / Ausland / Seite 3
Wovon die britischen Sonntagsblätter voll waren, konnte man
in der deutschen Presse am gestrigen Montag mit der Lupe suchen:
Die These von den vier Selbstmordattentätern, die sich am 7.
Juli in Londoner U-Bahnen und einem Doppeldeckerbus in die Luft
gesprengt haben sollen, wird immer unwahrscheinlicher. »Warum
kauften sie sich Rückfahrkarten, wenn sie sterben wollten?«,
fragte etwa der Independent on Sunday.
Auch Scotland Yard mußte einräumen: »Wir haben keine
eindeutigen Beweise, daß die Männer Selbstmordattentäter
waren«. »Das Quartett sei unter Umständen von Hintermännern
in eine Falle gelockt worden«, zitierte der Sunday Telegraph aus
Geheimdienstkreisen. Und weiter: Die Hintermänner wollten
womöglich »nicht riskieren, daß die vier Männer gefaßt
werden und alles verraten». Diese These erscheint plausibel,
weil die Verdächtigen nicht nur Rückfahrkarten gelöst, sondern
auch ihre Parkscheine brav bezahlt hatten. Außerdem hatten sie
die Bomben nicht um den Körper geschnallt, wie bei
Selbstmördern üblich, sondern trugen sie in Rucksäcken, die
sie auch hätten abstellen können, um sich dann in Sicherheit zu
bringen. Weiterhin sahen zwei Verdächtige Vaterfreuden entgegen,
ihre Frauen waren schwanger ein weiteres Motiv, um sich
ein Weiterleben zu wünschen. Ungewöhnlich auch, daß die
Männer nicht kurz vor der Zündung das ansonsten übliche
»Allah Akhbar!« Gott ist groß ausriefen.
Auch im Verhalten des Attentäters im Doppeldeckerbus spricht
einiges für die Theorie vom unfreiwilligen Ableben. »Wurden die
Bomber gelinkt? Das würde Berichte erklären, wonach ein Mann im
Bus kurz vor der Explosion in seiner Tasche herumwühlte«,
schrieb der Independent on Sunday. Insbesondere diese, die vierte
Detonation, gibt den Ermittlern Rätsel auf. Warum erfolgte sie
erst um 9.47 Uhr, fast eine Stunde nach den beinahe synchronen
ersten drei? Sollte Hasib Hussain, der mutmaßliche Attentäter,
ursprünglich auch in eine U-Bahn einsteigen, nahm dann aber
ersatzweise den Bus, weil »seine« Linie an diesem Vormittag
nicht befahren wurde? Warum geriet er in Panik und fummelte in
seinem Rucksack herum? Warum stellte er sich nicht an den
Aufstieg zur Wendeltreppe, wo die Explosion die maximale
Verwüstung hervorgerufen hätte, sondern hielt sich weit hinten
auf dem Oberdeck auf? Aber die verspätete Bus-Bombe paßt auch
nicht richtig zur Version der »gelinkten« Attentäter. Denn
angenommen, die vier Kids wollten ihre Bomben abstellen und sich
dann aus dem Staub machen, wurden aber böse überrascht, weil
der Zünder auf einen früheren Zeitpunkt als den von ihnen
angenommenen eingestellt war dann hätte auch die vierte
Bombe zu diesem »falschen« Zeitpunkt hochgehen müssen und
nicht 57 Minuten später.
Mit der These von den Selbstmord-Bombern steht und fällt die
Panikmache, die man in den letzten Tagen in der westlichen Presse
lesen konnte: Weil die vier Verdächtigen vollkommen
unauffällige britische Jugendliche gewesen waren, müsse man
sich künftig nicht nur vor Haßpredigern und anderen
fundamentalistischen Rauschebärten in acht nehmen, sondern auch
vor den vermeintlich brävsten Moslems auf der Hut
sein. »Es gibt, darin sind die Ermittler sich einig, einen neuen
Typus Terrorist. Clean Skin, reine Haut
haben die Fahnder ihn getauft, es sind Männer, die nicht oder
nur sporadisch oder jedenfalls unerkannt Trainigscamps besuchen,
nicht in den Irak reisen, nicht mal Verbindungen zu bekannten
Radikalen pflegen,« heißt es etwa im aktuellen Spiegel.
Was aber, wenn die Clean Skins keine willigen, sondern unwillige
oder zumindest unwissende Vollstrecker waren? Die Eltern von
Mohammed Sidique Khan sagen, ihr Sohn müsse von Terroristen
einer »Gehirnwäsche« unterzogen worden sein. Ein Onkel von
Shahzad Tanweer ist überzeugt: »Er war es nicht. Es müssen
Kräfte hinter ihm gewesen sein.«
Damit stellt sich die Frage nach den Masterminds. Natürlich ist
nicht auszuschließen, daß es skrupellose Drahtzieher aus der
internationalen Djihad-Szene waren, nach denen die Ermittler nun
fahnden. Wenn sich allerdings herumspricht, daß Al Qaida junge
Leute zum Bombenlegen benutzt und diese anschließend
absprachewidrig liquidiert, würde dieser ominöse Verein schnell
seine Sympathisanten verlieren. Ist es vorstellbar, daß
Super-Terroristen so blöd sind?
Dokumentiert: Zufällige Parallele oder mehr?
* Eine Beraterfirma mit Verbindungen zu Regierungs- und
Polizeikreisen hat am 7. Juli eine Antiterrorübung in London
durchgeführt gleichzeitig zu den Bombenanschlägen und an
denselben U-Bahnhöfen. Peter Power, Leiter dieser Firma Vigor
Consultants und früher Mitarbeiter von Scotland Yard, gab dazu
BBC Radio 5 am Abend des 7. Juli ein Interview.
Power: Um halb neun an diesem Morgen führten wir für einen
Betrieb mit über tausend Mitarbeitern eine Übung durch.
Zugrunde gelegt waren gleichzeitige Bombenanschläge exakt an den
Bahnhöfen, wo es an diesem Morgen passierte, deswegen stellen
sich mir noch jetzt die Nackenhaare hoch.
Moderator: Habe ich das richtig verstanden: Sie führten eine
Übung durch, wie man mit so etwas umgehen könnte, und es ist
während dieser Übung passiert?
Power: Genau, und es war ungefähr halb neun diesen Morgen, wir
planten das für ein Unternehmen und aus offensichtlichen
Gründen. Ich will seinen (des Unternehmens) Namen nicht
aufdecken, aber sie hören zu und sie werden es wissen. Und wir
hatten den Raum voller Krisenmanager, die sich zum ersten Mal
trafen, und innerhalb von fünf Minuten entschieden wir uns ganz
schnell, daß das jetzt echt ist. Dann nahmen wir uns die
richtigen Schritte im Krisenmanagement vor und schalteten vom
langsamen zum schnellen Nachdenken um und so weiter.
* Internetadresse der Sendung:
www.bbc.co.uk/fivelive/programmes/drive.shtml. Leider nimmt BBC
seine Sendungen nach sieben Tagen aus dem Netz heute ist
das Interview unter der angegebenen Adresse also nicht mehr zu
finden.
In einer späteren Erklärung bestätigte Power die Übung,
machte allerdings darauf aufmerksam, daß »lediglich ein paar
Krisenmanager« beteiligt waren, die den Ernstfall für die 1000
Firmenangehörigen simulierten.