19.07.2005 / Ausland / Seite 3
Das Treffen der EU-Innenminister am vergangenen Donnerstag
endete mit einem Eklat. Der französische Vertreter Nicolas
Sarkozy stellte sich hinterher vor die Presse und sagte über die
mutmaßlichen Attentäter, »ein Teil dieses Teams« sei »schon
einmal festgenommen worden«. Und weiter: Die Sprengmaterialien
seien »vom Balkan oder aus Osteuropa« gekommen.
Auffällig war, daß am nächsten Tag jeder Hinweis auf
Südosteuropa in den Mainstreammedien verschwand. Dabei war
darüber bis dahin häufig zu lesen gewesen. So hatte die
Londoner Times mit Verweis auf Ermittler Anfang letzter Woche
berichtet, daß der Bombenstoff »vom Balkan gekommen sein
könnte«. Nach Gesprächen mit britischen Kollegen hatte auch
Christophe Chaboud, Leiter einer französischen
Koordinationsstelle zur Terrorbekämpfung, einen entsprechenden
Hinweis auf »Schmuggel, zum Beispiel vom Balkan«, gestreut.
Für Yossef Bodansky, den Terrorbeauftragte des US-Senats, war
der Sprengstoff noch am vergangenen Mittwoch »wahrscheinlich aus
Bosnien-Herzegowina« gekommen.
Seit letzten Freitag verbreitet Scotland Yard eine ganz neue
Theorie, nämlich daß die Bomben auf der Basis von Azetonperoxyd
(APEX) hergestellt worden sind. Die notwendigen Bestandteile der
Mischung könnten in jeder örtlichen Drogerie gekauft werden,
etwa Abflußreiniger, Mittel zum Haarebleichen oder
Nagellackentferner. »Diese Art von Sprengstoff verstärkt nach
Auffassung der Polizei die Hinweise auf eine Verbindung zu Al
Qaida«, resümierte die FAZ. Damit war die Balkanspur beerdigt,
das Medieninteresse gilt seither den Einzelhändlern in Leeds und
den Hintermännern im exotischen Pakistan.
Doch einiges bleibt klärungsbedürftig. So sind APEX-Mischungen
so unstabil und so gefährlich, daß die Polizei beim Abtransport
von Resten aus einer angeblichen konspirativen Wohnung der
Viererbande das ganze Viertel absperren und sogar ein
Überflugverbot verhängen mußte. Packt man so ein Zeug in den
Rucksack und rumpelt dann zwei Stunden mit der Bahn durch halb
London? Ja, sagt Scotland Yard, denn ein Fachmann habe das Ganze
professionell zusammengebaut, und zwar der Chemiker Magdi
el-Nashar. Der reiste vor den Anschlägen in sein Heimatland
Ägypten und wurde jetzt dort verhaftet. Doch eine Verbindung zu
den vier Verdächtigen konnte ihm bisher nicht nachgewiesen
werden, die ägyptischen Behörden ansonsten nicht
zimperlich bei der Terrorjagd - halten ihn für harmlos.
Noch am 13. Juli hatte die Londoner Times berichtet: »Spuren von
Plastiksprengstoff ... sind angeblich in den Trümmern der
zerstörten U-Bahn-Wagen und dem Bus gefunden worden ... Der
Sprengstoff wird vor allem in den USA hergestellt, aber es gibt
Beweise, daß militärischer Sprengstoff von Terroristengruppen
auch aus Quellen in Kroatien und anderswo auf dem Balkan besorgt
worden ist.« Im Unterschied zur Bombe Marke Eigenbau ist
Plastiksprengstoff transportstabil, nach Belieben knetbar und
selbst bei Grenzkontrollen kaum zu erschnüffeln. Laut Times ist
C4-Plastiksprengstoff nicht nur bei den Anschlägen 2002 auf Bali
und gegen die »USS Cole« im Jahr 2000 verwendet worden, sondern
auch vom sogenannten Schuhbomber Richard Reid, der damit am 22.
Dezember 2001 eine von Paris fliegende Maschine sprengen wollte.
Seltsam: Nach dem Auftritt von Sarkozy wurde auch diese
Geschichte umgeschrieben. Reid hatte »diesen Stoff in seinem
Schuh«, meldete die FAZ am 16. Juli und meinte damit
nicht C4, sondern das APEX-Gemisch.
Unabhängig vom verwendeten Sprengmaterial stellt sich noch die
Frage des Zünders für eine exakte Explosion wohl der
wichtigste Teil der Bombe. Hierzu stellte die Times am 13. Juli
mit Verweis auf die forensischen Untersuchungen fest: »Der
Zünder war fast identisch mit denen, die man in den
Rucksackbomben gefunden hat, die letztes Jahr bei den Madrider
Bombenanschlägen benutzt worden sind.« Damals kamen die Zünder
aus Bosnien-Herzegowina.