8.08.2006 / Ausland / Seite 6

Junge Welt


Beweise sind nicht nötig

Angebliche Terrorpläne gegen Flugzeuge. Abenteuerliche Vorwürfe gegen Inhaftierte in London

Rainer Rupp

Obwohl im Zusammenhang mit dem angeblich geplanten Londoner Terroranschlag am Dienstag ein weiterer junger Mann verhaftet worden war, scheint die britische Polizei in erheblichen Beweisnöten zu stecken: Bereits am Mittwoch mußte der Mann wieder freigelassen werden. Bei den Hausdurchsuchungen der übrigen 23 Inhaftierten, die angeblich unmittelbar davor standen, etliche Passagierflugzeuge über dem Atlantik in die Luft zu sprengen, konnten keinerlei Flugtickets oder Reservierungen, geschweige denn Verbindungen zu extremistischen Gruppen gefunden werden. Die Tatsache, daß vier der Verdächtigen letztes Jahr längere Zeit in Pakistan verbracht haben, genügt als Beweismittel nicht. Sie seien nicht in einem Al-Qaida-Trainingscamp gewesen, sondern sie hätten dort den Erdbebenopfern geholfen, erklärte das Mitglied des britischen Oberhauses Lord Nasir Ahmed. Dennoch kann die Polizei laut Terrorismus-Gesetz von 2000 Verdächtige bis zu 28 Tage festhalten, ohne formal Anklage erheben zu müssen.

Den aus Pakistan stammenden Festgenommenen wird vorgeworfen, daß sie Bombenkomponenten an Bord schmuggeln wollten, um dann die Flugzeuge mit flüssigen Explosivstoffen über dem Atlantik fast gleichzeitig in die Luft zu sprengen. Dr. James Gordon Prather, ehemaliger Nuklearwaffen-Physiker des Pentagon und Mitarbeiter im US-Kongreß, hat sich nun die Mühe gemacht, die offizielle Darstellung des »verhinderten Terroranschlages« zu untersuchen. Die für die unterstellten Explosionsabsichten nötigen Komponenten sind: flüssige Explosivstoffe, Zünder und Auslöser. Letzterer bringt den Zünder mit einem Starkstrompuls zur Explosion, was wiederum das Flüssiggemisch zur Detonation bringt. Um diese Sachen an den Röntgenmaschinen und Durchsuchungsbeamten an Bord der jeweiligen Flugzeuge zu schmuggeln, wo sie zusammengesetzt werden sollten, hätten die Explosivstoffe wie Getränke und die Zünder wie elektronische Gebrauchsartikel aussehen müssen. Insbesondere die Herstellung von zuverlässigen Zündern, die nicht wie Zünder aussehen, ist laut Dr. Prather außerordentlich schwierig. Außerdem hätte es vieler Versuche bedurft, um die Zuverlässigkeit der Zünder mit Explosionen zu testen und zu verbessern.

Unter den Festgenommenen befinden sich jedoch weder Feinmechaniker noch Ingenieure. Verdächtige Komponenten oder feinmechanische Werkstätten sind auch nicht gefunden worden. Derzeit durchsucht die britische Polizei die Wälder in der Nähe der Wohnorte der Verdächtigen nach Explosionsspuren, woran abzulesen ist, wie verzweifelt sie bei der Suche nach Beweismitteln inzwischen sein muß. Inzwischen ist auch klar, daß die angeblich geplanten Flüssigexplosivstoffe (Nitroglycerin, Nitormethan und Triacetone Triperoxid) entweder zu instabil sind, weil sie bereits bei geringen Erschütterungen explodieren oder aber so durchdringend nach Petroleum riechen, daß man sie kaum hätte unbemerkt in ein Flugzeug schmuggeln können.

Nach dem ersten Schock erinnert man sich in Großbritannien inzwischen wieder daran, daß erst vor wenigen Wochen die Polizei einen angeblichen Terrormassenmord mit dem tödlichen Gift Ricin »verhindert« hatte. Bei diesem Antiterroreinsatz wurden weder Terrorpläne, noch Ricin gefunden, noch konnte irgendein Verbrechen präsentiert werden. Außer, daß die Polizei einen unschuldigen Mann mit Schüssen schwer verletzte. Inzwischen fragen sich immer mehr Briten, warum auch diesmal die hochgefährlichen Terroristen, die angeblich bereits über ein Jahr von der Polizei beobachtet wurden, mit großem Getöse ausgerechnet zu dem Zeitpunkt verhaftet wurden, als Premierminister Blair wegen seiner Unterstützung des israelisch-amerikanischen Angriffskriegs gegen Libanon am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen war. Plötzlich beherrschten nicht mehr Bilder aus dem Libanon, sondern islamistische Terroristen die Schlagzeilen.18.08.2006 Beweise sind nicht nötig (Tageszeitung junge Welt)