16.07.2005 / Ausland / Seite 6
Inzwischen scheint die Sache klar zu sein. Natural born Brits
waren demnach die Selbstmordattentäter des 7. Juli, anständige
Knaben aus meist pakistanischen Elternhäusern mit Vorliebe für
typisch britische Sportarten. Das Entsetzen ist allüberall,
Kommentatoren warnen vor einer ganzen Generation moslemischer
Terrorkids in Westeuropa, weitere Einschränkungen der
Bürgerrechte werden auf den Weg gebracht. Alles Dschihad, alles
erlaubt? Kritische Zeitgenossen sollten nicht ungeprüft die
Verlautbarungen der britischen Behörden übernehmen
brisant etwa der Hinweis des französischen Innenministers
Nicolas Sarkozy, wonach Leute aus dem Kreis der jetzt
Verdächtigen schon einmal verhaftet und dann freigelassen worden
waren und fürs erste noch mal der Fährte früherer
britischer, na ja, Al-Qaida-Anhänger folgen.
CIA und KSM
Am 16. Mai 2002 fand die pakistanische Polizei auf dem Gelände
eines Kindergartens in Karatschi die zerstückelte Leiche des
britischen Journalisten Daniel Pearl. Pearl war vier Monate zuvor
entführt worden und arbeitete angeblich an einer Reportage über
Richard Reid, den sogenannten Schuhbomber, der am 22. Dezember
2001 auf dem Flug von Paris nach Miami Explosivstoffe in seinem
Absatz hatte zünden wollen. Doch dieser schnell gestreute
Hinweis war offensichtlich eine falsche Spur. Es wäre auch etwas
abseitig gewesen, Pearl wegen dessen Reid-Recherche zu töten,
denn der »Schuhbomber« war ein zu kleiner Fisch, als daß sich
der Aufwand und das Risiko für die Mörder gelohnt hätte. Es
wurde um einen weitaus größeren Einsatz gespielt: Pearl war
Khalid Sheikh Mohammed, für die US-Behörden der »Mastermind«
des 11. September, zu nahe gekommen und deswegen hatte er
sterben müssen. Das ist jedenfalls die Meinung von Robert Baer,
einem ehemaligen CIA-Agenten. »Ich habe mit Pearl an einem
gemeinsamen Projekt gearbeitet. Mohammed war der Mann, über den
er recherchierte, nicht Richard Reid.« Paerls Auftraggeber, das
Wall Street Journal, bestritt Baers Einlassung, aber zwei andere
CIA-Leute haben sie bestätigt.
Es gibt sogar einen Augenzeugen, der Khalid Sheikh Mohammed
direkt des Mordes an Pearl beschuldigt. Fazel Karim gehörte zu
den drei Männern, die von der Polizei in Karatschi als
Tatbeteiligte verhaftet worden waren und sie zu der vergrabenen
Leiche von Pearl geführt hatten. Später gab er an, Sheikh
Mohammed höchstpersönlich habe dem Briten die Kehle
durchgeschnitten. Bei der Vernehmung habe Karim auf eines der
vorgelegten Fotos gezeigt und gesagt: »Der da hat das Messer
gezückt.« (Nick Fielding / Yosri Fouda, Masterminds of Terror,
Hamburg/Wien 2003, S.76 die Autoren beziehen sich auf
Time-Magazin, Februar 2003)
Doch KSM so die gängige Kurzbezeichnung für den
9/11-Mastermind muß sich bis heute nicht für den Mord an
Pearl verantworten. Statt dessen wurde ein anderer deswegen zum
Tode verurteilt: Ahmed Omar Saeed Sheikh. Der »Musterschüler
des Todes« so die Buchautoren Fielding und Fouda
wuchs wohlbehütet und mit der besten Ausbildung in London auf,
wollte dann 1992 zum kämpfen nach Bosnien, landete aber
schließlich in Kaschmir. Nachdem er auch dort verhaftet wurde,
brüstete er sich, daß er am Bombenattentat auf das Parlament in
Kaschmir im Oktober 2001 und beim Anschlag auf das indische
Parlament im Dezember 2001 beteiligt gewesen sei, stritt aber
gleichzeitig jede Schuld am Pearl-Mord ab.
Ein unliebsamer Zeuge
Warum Sheikh der Pearl-Mord trotzdem angehängt wurde, hängt
wohl mit einem ganz anderen und relativ unblutigen Spezialauftrag
zusammen: Der Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, Mahmud
Ahmed, soll Sheikh im September 2001 beauftragt haben, 100 000
Dollar an Mohammed Atta zu überweisen das behauptet
jedenfalls die Regierung in Neu-Delhi. Die Times of India schrieb
nach dem unerwarteten Rücktritt von General Mahmud kurz nach dem
11. September: »Hochrangige Informanten bestätigten hier am
Dienstag (9. Oktober 2001, Anm. J.E.), daß der General seinen
Posten wegen der Beweise verlor, die seine Verbindungen mit einem
der Selbstmordbomber aufzeigen, die das World Trade Center in
Schutt und Asche legten. Die US-Behörden suchten um seine
Entfernung nach, nachdem sich der Fakt bestätigt hatte, daß 100
000 Dollar an den WTC-Attentäter Mohammed Atta von Pakistan aus
überwiesen worden waren, und zwar von Ahmed Omar Sheikh im
Auftrag von General Mahmud.«
Sheikh war also ein lebender Beweis, daß die offizielle
9/11-Legende, wonach das Hauptquartier des 11. September am
Hindukusch gewesen war, nicht stimmt, und die Spur eher zum
US-Verbündeten Pakistan führt. Deshalb mußte er zum Schweigen
gebracht werden. Die pakistanische Polizei begann kurz nach dem
Verschwinden von Pearl mit der Jagd auf Sheikh und nahm dessen
männliche Verwandten sogar den 80jährigen Großvater
in Geiselhaft. Schließlich stellte er sich am 5. Februar
2003 freiwillig in Karatschi, weil er wußte, daß die dortigen
Behörden mit dem ISI auf Kriegsfuß standen. Dort packte er
über seine Verbindungen zum Geheimdienst aus und sagte unter
anderem, der ISI habe ihm bei dem Anschlag auf das indische
Parlament mit Geld und Logistik unterstützt. Der Prozeß wurde
jedoch der Justiz in Karatschi entzogen und vor das
Antiterrorgericht im Hochsicherheitstrakt von Hyderabad verlegt.
Sheikh erklärte, die ganze Anklage gegen ihn sei ein
»Lügenmärchen«. »Alle Zeugen sind Polizeibeamte,
Polizeispitzel, Polizeiinformanten oder V-Leute, egal, wie sie
sich offiziell nennen mögen.« (zitiert bei Fielding/Fouda,
a.a.o., S.78) Am 15. Juli 2003 wurde er zum Tode durch den Strang
verurteilt.