Tageszeitung junge Welt

15.07.2005 / Titel / Seite 1


Spitzel in jede Moschee

Unionspolitiker und Kardinal Lehmann instrumentalisieren Londoner Anschläge gegen Muslime und fordern Totalüberwachung und Gesetzesverschärfungen

Ulla Jelpke

Eine Woche nach den Londoner Bombenanschlägen nutzen deutsche Innenpolitiker die Gunst der Stunde, um die Stimmung gegen Muslime anzuheizen und Gesetzesverschärfungen durchzusetzen. Die Stichworte sind bekannt: Videoüberwachung, Vorratsspeicherung von Telefon- und Internetdaten, Zentraldatei von Polizei und Geheimdiensten. Ohne daß es hierfür neue Argumente gäbe, überbieten sich Schily, Beckstein und andere mit derartigen Vorschlägen.

Zusätzlich brachte Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) den Einsatz von V-Leuten in Moscheen in die Diskussion. »Wir müssen von jeder Moschee wissen, was dort passiert«, sagte Beckstein am Donnerstag in der Berliner Zeitung. Damit stellt er die Muslime unter Generalverdacht. »Dort, wo extremistisches Gedankengut gepredigt wird, müssen wir auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln präsent sein«, erklärte er. Zugleich appellierte Beckstein an die muslimischen Gemeinden, stärker mit den Sicherheitsbehörden zu kooperieren. Offenbar schwebt ihm eine Art Denunziantensystem vor.

In dasselbe Horn blies auch gleich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann. Er verlangte von den Muslimen – und nur von diesen – »eine deutliche Distanzierung von solchen Taten«. Der Kardinal griff zu starken Worten: »Die Integration solcher Leute ist natürlich, wenn sie so jung sind und regelrecht abgerichtet werden für so etwas, fast unmöglich.« Muslime in Deutschland sollten ein »aktives Bekenntnis« zu den »Lebenswerten unserer Verfassung« abgeben, sagte Lehmann gestern im Deutschlandradio Kultur. Darüber hinaus müßten die muslimischen Gemeinden dafür werben, daß ihre Mitglieder mit Verständnis auf geheimdienstliche Beobachtung von Moscheen und Durchsuchungen von Wohnungen reagieren. Der Vorsitzende des Islamrats für die Bundesrepublik, Ali Kizilkaya, wies die Forderungen Lehmanns zurück. Schließlich habe der Islamrat »die Anschläge eindeutig und unmißverständlich verurteilt. Man darf nicht zulassen, daß das Klima vergiftet wird«, sagte Kizilkaya gegenüber jW.

Aufgrund der Erkenntnisse, die in London angeblich durch Videoaufnahmen gewonnen worden sind, setzte auch in der BRD sofort eine hysterische Debatte über den verstärkten Einsatz von Überwachungskameras ein. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) forderte: »Wir brauchen den umfassenden Einsatz der Videokameras auf rechtsstaatlicher Basis für öffentliche Plätze, Bahnhöfe, Flughäfen und andere wichtige Bereiche.« Die Gewerkschaft der Polizei (GdP), die sonst meist zur Scharfmacherei neigt, warnte dagegen vor einer flächendeckenden Videoüberwachung in Deutschland. Technik könne keine Menschen ersetzen, sagte GdP-Vorsitzender Konrad Freiberg gestern im ARD-Morgenmagazin. »Wir brauchen Polizisten, die Streife gehen.«

Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) macht zusätzlich Druck wegen der Schaffung einer »zentralen Antiterrordatei«. Er forderte hierfür sogar eine Sondersitzung des Bundestags. SPD-Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter warnte dagegen: »Die Idee, alle Ermittlungsdienste zusammenzuschalten, würde dazu führen, daß Geheimdienste keine Informationen aus dem Ausland mehr bekommen, weil dann jeder Zugang hätte.« Der Plan von Innenminister Otto Schily (SPD) sehe dagegen eine Index-Datei vor, bei der man im Verbund nur sehen könne, ob es in den Datenbanken anderer Dienste Informationen gebe.

* Siehe Interview mit Ali Kizilkaya

www.bushtrash.com/911de