Tageszeitung junge Welt

15.07.2005 / Ausland / Seite 6


Absage an Grundrechte

EU-Minister nutzen Anschläge von London, um Überwachungsmaßnahmen einzuführen. Barroso für Aufhebung der Gewaltenteilung

Ralph T. Niemeyer, Brüssel

Am Mittwoch nachmittag kam EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso überraschend zu einer eigentlich mit Innenkommissar Franco Frattini angesetzten Pressekonferenz zur Terrorismusbekämpfung und stahl diesem die Show. Frattini, Vizepräsident der EU-Kommission und in Italien wegen seiner markigen Sprüche berüchtigt, mußte seinem Boß das Feld überlassen. Was die Barroso-Kommission dann allerdings als neue Maßnahmen im Kampf gegen den Terror vorstellte, waren alte Hüte. Dazu gehörte die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Polizei und Geheimdiensten sowie die erneute Verschärfung der Geldwäschegesetze und Telekommunikationsüberwachung. All jene Dinge, die im EU-Verfassungsvertrag enthalten sind. So sollte u. a. die Zusammenarbeit von Europol und Eurojust, einer Art Superstaatsanwaltschaft, festgezurrt werden. In keinem EU-Mitgliedsstaat gibt es eine derartige unkontrollierte Sicherheitsbehörde mit so weitreichenden Befugnissen, wie sie der Verfassungsentwurf vorgesehen hatte.

Nach den Anschlägen von London überschlagen sich nun die Sicherheitspolitiker mit Vorschlägen, wie der Terrorismus wirksam bekämpft werden könnte. Barroso schlug am Mittwoch nun jene Maßnahmen vor, die bisher wegen ihrer drastischen Einschnitte in Grundrechte als nicht durchsetzungsfähig galten. Auf die Frage von jW, ob man mit einer Überreaktion nicht den Terroristen einen Triumph beschert, antwortete Barroso, das Ziel sei, an die Wurzeln des Terrorismus zu gelangen. Terroristen müßten miteinander kommunizieren und hinterließen somit Spuren.

Die Sammlung von Telekommunikationsdaten sei daher ein unerläßliches Mittel. Die Überwachung von Finanztransaktionen und die Geldwäsche müsse ebenso intensiviert werden. Frattini ergänzte, daß diejenigen Mitgliedsstaaten, die die Maßnahmen, die noch am selben Tag vom Rat verabschiedet wurden und im Herbst in Kraft treten sollen, nicht zügig umsetzten, mit harten Sanktionen zu rechnen hätten. Im übrigen, so Frattini weiter, könne er keinen Widerspruch zwischen Sicherheit und Grundrechten sehen, denn auch Sicherheit sei ein Grundrecht.

Gemäß der neuen Terrorismusdefinition der EU, die sich an jene von der NATO unlängst beschlossenen anlehnt, ist auch die Unterbrechung von Versorgungsleistungen (z. B. durch Streiks und Demonstrationen) bereits eine Vorstufe zum Terrorismus. Wer dazu aufruft, kann sich demnächst im Terroristenraster wiederfinden. Die Gewaltenteilung spielt dabei keine Rolle mehr. Kommissionspräsident Barroso machte unmißverständlich klar, daß er die Zusammenarbeit aller Sicherheitsbehörden inklusive der Geheimdienste der Mitgliedsstaaten verlange.

www.bushtrash.com/911de