14.11.2005 / Ausland / Seite 6
Die Bevölkerungsproteste gegen Anschläge der türkischen
Konterguerilla in der südostanatolischen Provinz Hakkari
dauerten auch am Wochenende an. Indes entsandte die Regierung in
Ankara zwei Sonderermittler in die entlegene kurdische Kleinstadt
Semdinli. Diese sollen die Hintergründe des Bombenattentats auf
eine Buchhandlung klären, bei dem in der Nacht zum Donnerstag
ein Mensch getötet und 15 weitere verletzt wurden. Allerdings
scheint die Sachlage schon jetzt eindeutig: Passanten war es
gelungen, die fliehenden Attentäter zu stellen. Ihre Ausweise
wiesen sie als Unteroffiziere des türkischen
Militärgeheimdienstes JITEM aus. Der dritte war ein von ihnen
angeleiteter Überläufer aus der PKK (Arbeiterpartei Kurdistan)
namens Veysel Ates.
Im Kofferraum des auf einen Jandarma-Mann zugelassenen
Fluchtwagens fanden Einwohner von Semdinli neben Handgranaten,
Kalaschnikows und Munition einen Plan mit Anschlagszielen sowie
Todeslisten mit Namen von 105 Personen, die angeblich die PKK/
KONGRA-GEL unterstützen und als Milizen tätig sind. Der Name
des beim Anschlag unverletzt gebliebenen Eigentümers des
Buchladens »Umut« (Hoffnung), Seferi Yilmaz, stand rot markiert
an erster Stelle. Als Angehöriger der PKK-Guerillaeinheit, die
am 15. August 1984 den bewaffneten Kampf in den kurdischen
Gebieten der Türkei einleitete, hatte er 15 Jahre im Gefängnis
verbracht. Nurten Tarhan, eine Delegierte der neugegründeten
»Bewegung für eine demokratische Gesellschaft«, deren Haus vor
zwei Wochen bei einem Anschlag beschädigt wurde, fand sich
ebenso auf der Liste wie Bürgermeisters Hursit Tekin sowie
einige der kurdischen DEHAP-Partei nahestehende Stammesführer.
Mit Schüssen auf die Menge versuchte ein Soldat am folgenden
Tag, die Untersuchung des Fluchtwagens durch einen Staatsanwalt
zu verhindern. Wieder wurde ein Passant getötet. Die
Bevölkerung errichtete daraufhin Barrikaden und stürmte eine
Polizeistation. In mehreren kurdischen Städten sowie vor dem
türkischen Innenministerium in Ankara kam es in den vergangenen
Tagen zu Protesten. In der Provinzhauptstadt Hakkari wurden
einige Menschen verletzt, als die Polizei mit Tränengas und
Schußwaffen gegen eine Protestdemonstration mit rund 3 000
Teilnehmern vorging. Zur Beerdigung der Getöteten strömten am
Freitag rund 10 000 Menschen aus der ganzen Provinz in Semdinli
zusammen.
In den vergangenen Monaten wurden in der Provinz Hakkari fast 20
Anschläge verübt. Sie blieben allesamt unaufgeklärt. Nach
Presseberichten sollen die Offiziere auch einen
Autobombenanschlag vor einer Militäreinrichtung in Semdinli, bei
dem am 1. November 23 Menschen verletzt wurden, verantwortlich
sein. »In dieser Region wird alles, was passiert, der PKK
zugeschrieben«, meint der Parlamentsabgeordnete Esat Canan von
der kemalistischen CHP im Interview mit dem Sender BBC. Es sei
allerdings »seit jeher bekannt«, daß »ein großer Teil der
Vorfälle« nicht den aufständischen zuzuschreiben ist. Canan
befürchtet nun eine Vertuschung der Ereignisse von Semdinli, da
die zwei im Fluchtfahrzeug gestoppten Unteroffiziere inzwischen
aus der Haft entlassen wurden. Am Freitag detonierte erneut eine
Bombe unter dem Wagen eines Staatsanwalt in der Stadt Silopi
wohl zur Einschüchterung der Justiz. Verletzt wurde
niemand.
Derweil hat die Bevölkerung selbst die Aufklärung des
Verbrechens in die Hand genommen. Kurdische Internetseiten
veröffentlichten einige der bei den Attentätern gefundenen
Dokumente. Guerilla-Kommandant Bahoz Erdal kündigte gegenüber
der Nachrichtenagentur ANF an, die kurdischen
Volksverteidigungskräfte würden angesichts der »schmutzigen
Angriffe« in Semdinli nicht schweigen. Die Bevölkerung wurde
aufgefordert, der Guerilla Informationen zu liefern.