Tageszeitung junge Welt

14.10.2005 / Ausland / Seite 7


Rätselhafte Depesche

Plötzlich aufgetauchte Al-Qaida-Botschaft paßt erstaunlicherweise genau in Washingtons Konzept. Pentagon gibt keine Information über Herkunft des Schreibens

Rainer Rupp

Der angebliche Topterrorist in Irak, Abu Musab Al Sarkawi, wie Al Qaida scheinen nach wie vor die besten Verbündeten der Bush-Administration zu sein. Denn zu Hause steckt der US-Präsident wegen seines Irak-Krieges inzwischen in ernsthaften Schwierigkeiten. Und prompt liefert Al Qaida Washington neue Propagandaargumente dafür, warum die USA auf jeden Fall in Irak bleiben und den Krieg gewinnen müssen. Das Timing hätte nicht besser sein können: Am Dienstag hat die Bush-Administration einen mehrere Seiten langen Brief vorgelegt, den angeblich der Al-Qaida-Anführer Aiman Al Sawahiri an Al Sarkawi geschrieben haben soll. In dem Brief kritisiert Al Sawahiri die Angriffe auf schiitische Zivilisten und Moscheen, um dann die Strategie von Al Qaida darzulegen. Ziel sei es, ein weit über Irak hinausgehendes islamisches Reich in vier Etappen zu errichten. Zuerst gelte es, die Amerikaner aus Irak zu vertreiben, um dann dort einen Gottesstaat aufzubauen. Dann gelte es, die säkularen Nachbarn des Irak – Syrien, Libanon und Jordanien – anzugreifen und zu besiegen. Zuletzt müsse Israel niedergerungen werden.

Dieser Brief ist Wasser auf Bushs Mühlen, denn eine solche Entwicklung, und darin sind sich alle Amerikaner einig, muß auf jeden Fall verhindert werden. Zugleich sollen durch den aus dem Brief ersichtlichen Streit zwischen der Al-Qaida-Führung Sympathisanten in aller Welt verunsichert werden. Weitere Hinweise, u. a. daß man mit den im Land verbliebenen US-Kollaborateuren nach dem Abzug der Besatzer abrechnen werde, lassen die Handschrift des Büros für strategische Desinformation des Pentagon erahnen. Auskunft darüber, wo, wann und wie der Brief an Al Sarkawi in amerikanische Hände gefallen ist, wurde bisher nicht gegeben. Angeblich sei die Depesche bereits Anfang Sommer abgefangen worden. Aber wegen des »Geheimschutzes« habe man ihn nicht veröffentlichen wollen.

Das hat nun aber John D. Negroponte, der neue Großwesir aller US-Geheimdienste, getan und das angeblich so sensible Dokument in arabischer und englischer Fassung auf die Webpage seines Büros gestellt. Offensichtlich soll mit dem Mummenschanz um die geheimdienstliche Sensibilität des Briefes dessen Echtheit bestätigt werden. Mit Erfolg, wie die Reaktionen der Massenmedien auch hierzulande gezeigt haben.

Allerdings steht die plötzliche Veröffentlichungsfreude im krassen Gegensatz zur jüngsten Entscheidung der CIA in Bezug auf Al-Qaida-Dokumente. Die Agency hatte in der vergangenen Woche die bisher frei zugängliche Sammlung von öffentlichen Erklärungen des Terroristenchefs Osama bin Laden aus dem Zeitraum 1994 bis 2004 als geheim eingestuft.

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