Tageszeitung junge Welt

11.03.2005 / Ausland / Seite 3


Organisierte Vertuschung

Die Hintergründe der Bombenanschläge in Madrid am 11. März 2004 wurden bis heute nicht untersucht – vielleicht, weil spanische Spitzel Sprengstoff und Zünder besorgten?

Ralf Streck

Vor einem Jahr, am 11. März 2004, jagten islamische Fundamentalisten am frühen Morgen vier Vorortzüge in der spanischen Hauptstadt Madrid in die Luft. Leise wird am heutigen Staatstrauertag der 192 Toten und mehr als 1500 Verletzten gedacht. Die »Vereinigung 11 M« verbat sich ursprünglich geplante »laute Gesten« sowie »Ehrungen«. Erneut bringen die Angehörigen der Toten und die Überlebenden der Anschlagsserie so ihre Kritik zum Ausdruck: Sie richtet sich gegen die Instrumentalisierung, Ignoranz ihrer Bedürfnisse, aber vor allem gegen die fehlende Aufklärung der Hintergründe der verheerenden Attentate (siehe unten).

Vor dem Jahrestag machte die Präsidentin der Opfervereinigung einmal mehr darauf aufmerksam, daß ihre Kritik vor der parlamentarischen Untersuchungskommission in Madrid unbeachtet blieb. Die Lage der Hinterbliebenden und Überlebenden habe sich sogar verschlechtert. Die Hälfte der Psychologen sei abgezogen worden: »Es scheint, die Trauer und der posttraumatische Streß haben ein Verfallsdatum«, klagte Pilar Manjón.


Unabhängige Untersuchung

Sie forderte erneut eine unabhängige Untersuchung: Zwar hat die Untersuchungskommission zum ersten Jahrestag 120 Vorschläge zur Terrorbekämpfung vorgelegt, Hintergründe der Attentate hat sie allerdings nicht untersucht. Das räumte sogar Kommissionspräsident Paulino Rivero ein. Es sei ein »grober Fehler« gewesen, sich auf das zu konzentrieren, was vom 11. März bis zu den Parlamentswahlen am 14. März geschah. »Was vor dem 11. März passierte, haben wir vergessen«, so Rivero. Bestätigt wurde nur, daß die damalige konservative Regierung die Bevölkerung massiv belogen hat. Premier José Maria Aznar versuchte, die Anschläge der baskischen Untergrundorganisation ETA in die Schuhe zu schieben. Seine Volkspartei (PP) wollte kurz vor den Wahlen jede Verbindung zur Beteiligung Spaniens am Irak-Krieg vermeiden, gegen die 90 Prozent der Bevölkerung waren. Statt die Hintergründe der Anschläge zu ermitteln, stritt man in der Kommission meist, ob die Sozialisten (PSOE) ihren Wahlsieg den Bomben verdankten.


Geheime Ermittlungen

Doch auch die spanische Justiz agiert bis heute auffällig. Von 75 Verhafteten sind nur noch 22 in Haft, Es gab keinen Prozeß, und weiterhin wird geheim ermittelt. »Sprachlos haben wir erfahren, daß die Ermittlungen zum Sprengstoffraub in Asturien eingestellt wurden«, klagt die Opfervereinigung. Man wisse nicht einmal, wer der Besitzer der Mine ist, aus der der Sprengstoff entwendet worden sei. Zudem behaupte der Staatsanwalt, »dort ist nichts vorgefallen«.

In der Tat wird konsequent ausgeklammert, welche Rolle die Sicherheitskräfte und ihre V-Leute im Vorfeld der Anschläge vom 11. März spielten. Dabei steht fest: Ohne den Sprengstoff und die Zünder, die der Spitzel der Nationalpolizei José Emilio Suárez Trashorras aus Asturien lieferte, hätte es keine Anschläge gegeben. Das »Goma 2 Eco« wurde über den Spitzel der paramilitärischen Guardia Civil, Rafael Zuheir, an die Islamisten vermittelt. Der hat die Guardia Civil mehrfach über den Deal informiert und sogar eine Probe geliefert. Durch eine Telefonüberwachung waren die Sicherheitskräfte bei der Lieferung des Sprengstoffs sogar live dabei; einige Täter wurden bis kurz vor den Anschlägen überwacht.


Mißglückte Infiltration

Als ein Tonband auftauchte, brach die staatliche Version endgültig zusammen, man habe von all dem nichts gewußt. Es belegte, daß der Spitzel Francisco Javier Lavandera die Guardia Civil in Asturien schon 2001 auf die Sprengstoffdeals von Trashorras hingewiesen hatte. Der suchte sogar Informationen, wie man Handys zum Zünden von Bomben benutzt. Tatsächlich wurden die Bomben am 11. März über Mobiltelefone gezündet. All das hat die Kommission nicht interessiert, kein einziger Spitzel wurde befragt.
Hinter all dem könnte eine mißglückte Aktion zur Infiltration in die ETA stehen. Trashorras Schwager, ebenfalls Spitzel, hatte schon 2001 im Knast versucht, ETA-Gefangenen den Sprengstoff anzudienen. Doch die lehnten ab. In einem Interview mit der Zeitung El Mundo sagte nun auch Lavandera, er sei stets davon ausgegangen, der Sprengstoff sei für die ETA bestimmt gewesen. So ließen sich die angeblichen Ermittlungspannen erklären und auch, warum viel dafür getan wird, sie nicht aufzuklären. So scheint der Sicherheitsapparat für das Massaker von Madrid direkt mitverantwortlich zu sein. Die Reaktion darauf kann man sich ausmalen.


Chronologie: Madrid im März 2004

11. März: Ab 7.37 Uhr explodieren elf Bomben in vier Vorortzügen in den Madrider Bahnhöfen Atocha, El Pozo und Santa Eugenia. 192 Menschen sterben, mehr als 1500 werden verletzt. Sofort wird die baskische Separatistenorganisation ETA dafür verantwortlich gemacht. Es bestehe »kein Zweifel«, sagt die PP-Regierung, der übliche Sprengstoff sei verwendet worden. Die ETA-nahe Partei Batasuna verurteilt den »wahllosen Anschlag auf die Zivilbevölkerung«. Nach einem Hinweis wird am Vormittag ein Auto mit Zündern des Typs der Anschläge und eine Kassette mit Koranversen gefunden. In Anrufen weist die ETA jede Verantwortung ab.

Bei der Tageszeitung Al Quds Al Arabi in London geht ein Bekennerschreiben der Brigaden von Abu Hafs Al Masri im Namen von Al Qaida ein. Auf Drängen Spaniens verurteilt der UN-Sicherheitsrat auf das Schärfste »die von der ETA verübten Anschläge«. Spanische Botschaften erhalten Anweisung, sie als Täter zu nennen. Ministerpräsident Aznar ruft Medienvertreter an, sein Regierungssprecher schwört Auslandskorrespondenten ein.

12. März: Der Sprengstoff ist analysiert: Goma 2 Eco spanischer Herstellung, den die ETA nicht benutzt. Die Regierung macht die baskische Seperatistenorganisation dennoch weiter verantwortlich, obwohl nun alle Ermittlungen auf Al Qaida zielen.

13. März. Fünf mutmaßliche islamistische Täter werden verhaftet. In Madrid taucht ein Bekennervideo von Al Qaida auf. Die Regierung behauptet weiter, Sprengstoff der ETA sei verwendet worden. In Pamplona erschießt ein Polizist den baskischen Bäcker Angel Berrueta. Er weigerte sich, ein Anti-ETA Plakat aufzuhängen. Auf Demonstrationen wird »Schluß mit der Manipulation!« gefordert

14. März: Um 0.45 Uhr hält die Regierung eine islamistische Täterschaft für möglich. Aznars Volkspartei (PP) verliert die Parlamentswahlen.


Dokumentiert: Anklage der »Vereinigung 11 M«

* Für die Angehörigen der Opfer und Überlebende der Anschläge vom 11. März 2004, zusammengeschlossen in der »Vereinigung 11 M«, legten deren Präsidentin Pilar Manjón am 15. Dezember vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß in Madrid eine Anklageschrift vor, die wir in Auszügen dokumentieren.

192 Tote, 1500 Verletzte. Simple Zahlen für viele von Ihnen, aber eine ganze Welt für viele von uns. (...) Denn Sie, meine Herren, in dieser Kommission haben viel diskutiert, wer worüber geredet und wen wann informiert hat. Sie sprachen über Umstände, Intrigen und Manipulationen, Desinformation, Informanten und Mißtrauen. (...) Sie, meine Herren, haben über sich selbst geredet, essentiell über sich. Es war eine Kommission von Ihnen für Sie.
Erst heute schafft man uns einen Platz, und sogar das fällt einigen von Ihnen schwer. Sie würden die Opfer lieber weiter als Waffe und unmoralisches Argument benutzen, um andere zu entwürdigen. Heute sprechen wir im Namen von Personen aus Fleisch und Blut, von Lebewesen, die wir in unserem Herzen tragen und auf die Sie zurückgreifen, um einen Orden oder ein Foto in der Presse zu erheischen. (...)

Sie haben sich diese Kommission angeeignet, um Politik zu machen. (...) Einige wollten sogar unseren Auftritt verhindern, als letzter Schritt einer Aneignung von etwas, was Ihnen nicht gehört. (...) Meine Herren: benutzen Sie niemals wieder die Opfer für parteiische Ziele oder als Fahne für Ihre Sache.

Man hat versucht, uns einem polarisierten Diskurs zu unterwerfen: »Wer nicht mit uns ist, ist für sie«, ein Diskurs, »wer uns nicht verteidigt, ist ein Verräter«. Wir werden nicht in diese Abgeschmacktheit verfallen. Uns bewegt keine Partei. Eine Partei interessiert uns nur als private oder persönliche Option. Wir sind Opfer, nicht mehr und nicht weniger.

(...) Der Antrieb, der uns heute vor Sie bringt, ist unsere moralische Kraft und unser Mut. Nichts anderes. Es geschieht in der festen Absicht, daß Wahrheit, Transparenz und Gerechtigkeit unter uns herrscht. (...) Diese Kommission hat nicht einmal in der Ferne das gestreift, was aufgeklärt werden sollte. Die Vorgänge wurden für die jeweilige Argumentationslinie gegen andere benutzt und jeder schob dem anderen die Schuld zu. Vor einigen Jahren haben Sie einen Antiterrorpakt unterzeichnet und sich verpflichtet, den Terror nicht im Wahlkampf zu benutzen. Erlauben Sie mir, einigen von Ihnen nicht mehr zu glauben. Ihre Glaubwürdigkeit hat in dieser Sache mehr als gelitten.

Wir warten noch immer auf Entschuldigungen, darauf, daß die Verantwortung übernehmen, die verantwortlich sind. Und ohne Zweifel bedeutet dies DER RÜCKTRITT VON POLITISCHEN POSTEN, ÄMTERN ODER BEI DER POLIZEI. (...) Wenn es die Möglichkeit gab, diese Vorgänge zu verhindern – es existieren fundierte Hinweise darauf, daß es viele Möglichkeiten gab –, dann sind wir die ärgerlichen Zeugen ihrer Verantwortungslosigkeit, weil es nicht verhindert wurde. (...) Das Spektakel dieser Kommission wird enden, wie es angefangen hat: Ohne politische Verantwortliche zu benennen, die davon wußten oder es in den Händen hatten, diese Barbarei zu verhindern.

(...) Vor allem wollen wir exakt die Vorgänge KENNEN, die Fehler und Verantwortungslosigkeiten, die aus dem schwersten terroristischen Anschlag in der spanischen Geschichte abzuleiten sind. Auch uns hat es interessiert zu erfahren, was zwischen dem 11. und 14. März geschehen ist. (...) Aber was ist vor dem 11. März geschehen, damit diese Barbarei durchgeführt werden konnte? Was ist mit dem Sprengstoffhandel, der nicht untersucht wurde, mit den Dossiers, die vor einer direkt bevorstehenden terroristischen Bedrohung warnten? Fehlende Mittel, um mutmaßliche Terroristen zu ermitteln?

(...) Wir wollen nicht, das diese Kommission weiter besteht. (...) Mit Nachdruck fordern wir explizit die Einrichtung einer Kommission, die sich aus unabhängigen Persönlichkeiten und Experten zusammensetzt, ohne die Teilnahme von Parteien, damit die Vorgänge von denen untersucht werden, die frei von Parteiinteressen sind. Sie soll der Bevölkerung in Spanien zu verstehen helfen, was war und was passierte, Verantwortlichkeiten benennen und nötige Reformen ausarbeiten, damit sich eine solche Situation nicht wiederholt. Treten Sie zur Seite und erlauben Sie Transparenz!

(Übersetzung: Ralf Streck)

www.bushtrash.com/911de