Tageszeitung junge Welt

10.09.2005 / Ausland / Seite 7


Was wußte »Able Danger«?

Neue Fragen zum 11. September 2001: Geheimdienstgruppe im Pentagon hatte spätere Attentäter offenbar als Al-Qaida-Mitglieder in Verdacht

Rainer Rupp

Auch am vierten Jahrestag der Terrorangriffe auf das World Trade Center in New York sind viele Aspekte der Hintergründe des 11. September nach wie vor nicht aufgeklärt. Und nun haben neue Untersuchungen über die streng geheime »Operation Able Danger« im Pentagon zusätzliche Fragen aufgeworfen, die sich im wesentlichen um den angeblichen Kopf der Anschläge, Mohamed Atta, drehen.

»Able Danger« war 1999 unter General Hugh Shelton, damals Vorsitzender der Vereinten Stabschefs im Pentagon, als Teil des »Kommandos für Sonderoperationen« gegründet worden. Eine »kleine, aber streng geheime Gruppe von militärischen Geheimdienstleuten« leitete die Operation ab Herbst 1999 bis Februar 2001, also nur sieben Monate vor den Terrorangriffen. Laut Aussagen des republikanischen Kongreßabgeordneten und stellvertretenden Vorsitzenden des Streitkräfteausschusses, Curt Weldon, war es den Mitarbeitern von »Able Danger« gelungen, bereits mehr als ein Jahr vor den Anschlägen in New York Mohamed Atta und drei seiner unmittelbaren Helfer, Marwan Al Shehhi, Khalid Almidhar und Nawaf Alhamzi, als »wahrscheinliche Mitglieder« einer in Brooklyn beheimateten und in den USA operierenden Zelle von Al Qaida zu identifizieren.

Laut Weldon, der früher selbst Mitarbeiter des US-Militärgeheimdienstes DIA gewesen war, hatte das »Able Danger«-Team bereits im Sommer 2000 eine Art »flow chart« entwickelt, die außer Details über die Beobachteten und deren Verbindungswege auch Fotos von den vier angeblichen späteren Attentätern enthielten. Als die Operationsgruppe jedoch empfahl, die Information dem FBI zugänglich zu machen und Maßnahmen gegen die vier zu ergreifen, wurde dies abgelehnt. »Die Empfehlung wurde zurückgewiesen und die Informationen wurden nicht weitergegeben«, berichtete Weldon. Die Tatsache, »daß Mr. Atta, und die anderen sich mit gültigen Einreisevisa in den Vereinigten Staaten aufhielten, wurde zumindest teilweise als Begründung (für die Ablehnung) angegeben«, sagte Weldon Anfang August der New York Times. Nicht lange danach wurde die »Operation Able Danger« auf höheren Befehl aufgelöst. Alle Dokumente wurden vernichtet.

In den ersten Reaktionen hat die Bush-Administration dies alles abgestritten. Dennoch haben Medien wie die New York Times der Geschichte hohe Glaubwürdigkeit zugemessen, sie weiter verfolgt und zahlreiche Zeugen gefunden. Dies wiederum hat eine Untersuchungskommission im Pentagon nach sich gezogen, die laut NYT vom 2. September weitere drei Mitglieder vom Team »Able Danger« entdeckt hat, die sich an die Identifizierung Attas und seiner Helfer erinnern.

»Wir wurden angewiesen, gelbe 3M-Bänder über die Gesichter von Atta und den anderen Terroristen zu kleben und so zu tun, als würden sie nicht existieren«, sagte einer der ehemaligen »Able Danger«-Geheimdienstler in einem Interview. Vor dem Hintergrund der Priorität, die der Bekämpfung von Bin Ladens Terrororganisation beigemessen wurde, ist diese Reaktion höchst verwunderlich. Eine weitere in den US-Medien häufig gestellte Frage ist, warum dieser Aspekt vor der unabhängigen 9-11-Untersuchungskommission geheimgehalten wurde. Obwohl die Ausschußmitglieder über die Existenz von »Able Danger« informiert wurden, erfuhren sie nichts über die Identifizierung von Atta und den anderen und über den Befehl von »oben«, die Sache einzustellen. Daher wurde auch bis heute nicht der Frage nachgegangen, wer ganz oben im US-Verteidigungsministerium für diesen Befehl verantwortlich war.

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