08.12.2005 / Ausland / Seite 3
Die Entführung lief so, wie man das aus dem Fernsehen kennt:
Am 17. Februar 2003 wird Abu Omar kurz nach 12 Uhr in Milano auf
offener Straße von zwei Fremden angesprochen in
schlechtem Italienisch, wie sich ein Zeuge erinnert. Die zwei
sprayen ihm eine Chemikalie ins Gesicht, zerren ihn in einen
weißen Lieferwagen und brettern in Höchstgeschwindkeit davon.
Um 17 Uhr erreichen die Kidnapper die Luftwaffenbasis Aviono, von
wo Omar umgehend mit einem Learjet nach Ramstein geflogen wird.
Noch am selben Abend wird er dort in eine weitere Maschine
verfrachtet, die am nächsten Morgen in der ägyptischen
Hauptstadt Kairo landet. In den folgenden 14 Monaten erleidet
Omar in einem ägyptischen Gefängnis nach eigenen Angaben
»schreckliche Folter«. Bis heute steht er dort unter
Hausarrest.
Wie glaubwürdig Omars Angaben sind, beweist der Umstand, daß
die italienische Staatsanwaltschaft im Sommer dieses Jahres die
Auslieferung von 13 CIA-Agenten wegen Menschenraubs beantragt
hat. Premier Silvio Berlusconi hatte Anfang Juli US-Botschafter
Mel Sembler einbestellt und »vollen Respekt für die
italienische Souveränität« angemahnt. Auch am gestrigen
Mittwoch wies Berlusconi darauf hin, daß weder er noch seine
Minister über das Kidnapping informiert gewesen seien. Dies wird
bestätigt durch die Internetausgabe der Washington Post vom
Dienstag, wonach die US-Behörden ihre italienischen Amtskollegen
damals durch eine »vorsätzliche Lüge« getäuscht hat. Der
Verdacht in Rom wie in anderen EU-Metropolen: Die USA haben bei
ihrem Kampf gegen den islamischen Terrorismus ebenso die
Menschenrechte wie die staatliche Unabhängigkeit ihrer
europäischen Partner verletzt.
Seltsam ist aber: Die US-Agenten haben in der norditalienischen
Metropole keinen ihrer Feinde, sondern einen ihrer Helfer
entführt. Einem ausführlichen Porträt des Verschleppten in der
Chicago Tribune vom 3. Juli 2005 ist zu entnehmen, daß Osama
Moustafa Hassan Nasr so der amtliche Name Omars
»einst die produktivste Informationsquelle der CIA in ...
Albanien« gewesen ist. Schon in den 80er Jahren war er »von den
USA dazu ausgebildet worden, gegen die Sowjets in Afghanistan zu
kämpfen«. Nach dem Ende des Bürgerkrieges am Hindukusch zog es
den gebürtigen Ägypter wie viele andere Dschihadisten auf den
Balkan. Am 27. August 1995 wurde er vom albanischen Geheimdienst
Shik, bereits damals unter Leitung seines US-Partnerdienstes,
verhaftet und zehn Tage festgehalten. Nach einiger Zeit des
Schweigens begann er auszupacken: Er habe Ägypten wegen seiner
Zugehörigkeit zur verbotenen Untergrundgruppe Jamaat al Islamiya
verlassen, von der zehn weitere Mitglieder für drei islamische
Hilfsorganisationen auf dem Balkan arbeiteten. Nachdem Omar
freigelassen wurde, betätigte er sich weiter als IM des Shik
sogar noch intensiver als zuvor. »Zum ersten Mal konnten
wir den Amerikanern völlig neue Informationen liefern. Zum
ersten Mal wurden wir ein echter Partner«, freute sich Astrit
Nasufi, damaliger Vizekommandeur der Antiterroreinheit des Shik.
Doch nach ein paar Wochen tauchte Omar plötzlich unter, setzte
sich zuerst nach München und dann nach Mailand ab. Im dortigen
Islamischen Institut an der Via Quaranta entpuppte sich der Mann,
der in albanischer Haft nur ganz selten gebetet hatte, plötzlich
als Haßprediger und stieg zum stellvertretenden Imam auf. Nach
dem 11. September wurden seine Tiraden gegen die USA sogar noch
feindseliger.
Trotz Haftbefehl vermieden die italienischen Behörden den
Zugriff auf Omar, weil er für sie als freier Mann nützlicher
war: Er stand unter Totalüberwachung, seine Wohnung war verwanzt
seinen Spuren folgend hätten sie ein ganzes Netzwerk
auffliegen lassen können. Dieses Kalkül wurde durch das
CIA-Kidnapping zerstört. »Für die italienischen Behörden war
ein Rätsel, warum die CIA Abu Omar aus dem Verkehr ziehen wollte
besonders, da sie mit der CIA die Früchte ihrer
elektronischen Überwachung Abu Omars teilten«, schreibt die
Chicago Tribune. »Statt gegen Terroristen ermitteln wir nun
gegen die CIA-Kidnapper«, klagte ein hochgestellter
Strafverfolger in Mailand.
Doch die US-Agenten wußten vielleicht ganz gut, was sie taten:
Die Entführung war »ein dreister Versuch, ihn (Omar) wieder in
den Informanten zu verwandeln, der er früher gewesen war«,
behauptet das Blatt. Im italienischen Haftbefehl gegen die 13
CIA-Kidnapper heißt es jedenfalls, im Foltergefängnis in
Ägypten sei Omar »die Freiheit und die Rückführung nach
Italien« versprochen worden, falls er wieder einer Tätigkeit
als IM zustimme.
Es muß nicht im Widerspruch zu dieser These stehen, was die
World Socialist Web Site spekuliert: daß Omar zum Schweigen
gebracht werden mußte, weil er zuviel über »Verbindungen
zwischen dem US-amerikanischen Staat und terroristischen
Gruppen« wußte in Afghanistan, auf dem Balkan, in Milano
und anderswo.