Tageszeitung junge Welt

07.03.2005 / Ausland / Seite 3


BKA fahndete nach 9/11-Verdächtigem in Bosnien

»Wie der Dschihad nach Europa kam«: jW-Autor Jürgen Elsässer präsentiert bei der Premiere seines Buches neues Material zu Mohammed Atta

jW-Bericht

»Die Spuren, die zum 11. September führen, beginnen nicht in Hamburg, sondern in Sarajevo«, sagte jW-Autor Jürgen Elsässer bei der Vorstellung seines neuen Buches »Wie der Dschihad nach Europa kam. Gotteskrieger und Geheimdienste auf dem Balkan« am gestrigen Sonntag in der Hansestadt. Die Mitglieder der sogenannten Hamburger Zelle, die für US-Justizminister John Ashcroft die »zentrale Basis« der Terroranschläge gewesen ist, seien auf dem bosnischen Kriegsschauplatz militärisch geschult oder im Sinne der fundamentalistischen Spielart des Islam indoktriniert worden.

Letzteres treffe etwa auf Mohammed Atta zu, der nach Angaben der US-Regierung am 11. September die erste Todesmaschine ins World Trade Center gesteuert haben soll. Elsässer präsentierte erstmals einen Hinweis auf die Anwesenheit des Harburger Studenten auf dem Balkan. Demnach hat das Interpol-Büro beim BKA Wiesbaden am 18. September 2001 eine Anfrage an die bosnischen Behörden geschickt, um die Identität eines gewissen Atta zu überprüfen, der nach ihren Informationen 1999 im Dörfchen Bakotif, acht Kilomter vom mittelbosnischen Maglaj entfernt, wohnte. »Der Anfrage war ein Foto und ein Hinweis beigefügt, wonach man sich bei der Überprüfung an einen gewissen Mehmed Hasanif, einen Bürger von Bakotif, wenden sollte«. In Wiesbaden sei man auf Nachfrage nicht zur Stellungnahme bereit gewesen.


Sarajevo 9/11

Von den sieben Schlüsselfiguren des 0911-Plots haben laut Elsässer neben Atta mindestens vier weitere in den neunziger Jahre in Bosnien gekämpft. Für die angeblichen Selbstmordpiloten Nawaf Al Hazmi und Khalid Al Midhar sowie »Mastermind« Khalid Scheich Mohammed wird dies im Abschlußbericht der 9/11-Kommission des US-Kongresses kurz erwähnt. Die Anwesenheit eines weiteren Operationsplaners, Ramzi Binalshibh, im balkanischen Kriegsgebiet wurde von der deutschen Ehefrau eines bosnischen Mudschahed bezeugt – die 9/11-Kommission verschweige dies.

Binalshibh war die zentrale Figur, die in Hamburg aus Atta und einigen seiner Freunde eine terroristische Zelle formte und sie 1999 zu Anschlägen gegen US-Ziele anstachelte. Das Seltsame an der Sache ist für Elsässer, daß Binalshibh zu diesem Zeitpunkt gar nicht Mitglied der Al Qaida war. »Es gibt keinen einzigen Beleg für einen Kontakt der Hamburger Zelle zu Osama bin Laden vor Ende 1999. Wohl aber gibt es zahlreiche Belege, daß die Hamburger Zelle die ganze Zeit von der CIA und auch von deutschen Diensten observiert wurde, daß die sogar unter den Harburger Studenten Doppelagenten anwerben wollten.«

Der Verdacht, daß diese Anwerbeversuche bei Binalshibh erfolgreich waren, wird für Elsässer durch den Umstand bestätigt, daß dieser seit seiner angeblichen Verhaftung im September 2002 wie vom Erdboden verschwunden ist – aber die US-Behörden ständig neue Aussagen mit seiner Unterschrift präsentieren, die ihre Theorie von »Osama und den 19 Räubern« als alleinigen Schuldigen für den Terror des 11. September stützen.

Die bisherigen Informationen sind für den Buchautor widersprüchlich, das Mosaik des 11. September bruchstückhaft. Klar sei nur eines: »Die Schlüsselpersonen des 11. September haben, bevor sie mit Al Qaida in Kontakt kamen, in Bosnien gekämpft. Die dortigen muslimischen Einheiten wurden vom Pentagon mit Waffen versorgt. Als dieselben Personen später die Anschläge des 11. September vorbereiten, wurden sie von den US-Geheimdiensten pausenlos observiert, teilweise gab es sogar direkte Anwerbeversuche – aber niemals eine Verhaftung. Binalshibh und ein weiterer Bosnien-Kämpfer sind heute die wichtigsten Kronzeugen der US-Regierung für die Alleinschuld von Al Qaida am 11. September.«

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